Pisa 2003 – aus deutscher Sicht – verglichen
mit
Finnland
Anmerkungen:
- Die Angaben in diesem Bericht beruhen auf Angaben der
OECD und basieren auf mehreren Artikeln in der Zeitschrift Focus
- Der Bericht entstand in Kooperation mit ROTyö
|
Pisa 2003 oder auch Pisa II, die zweite
Studie “Programs for international student assessment”, die die
Kompetenzen von 15jährigen Schülern ermittelt und vergleicht,
brachte für deutsche Schüler und damit die deutschen Schulen
ein positives Ergebnis der Art “gegenüber derStudie
von 2000 in keiner Weise verschlechtert”. Dies allerdings ist bei dem
schlechten
Abschneiden von 2000 noch kein Lob. Und selbiges ist auch nicht
angebracht,
landeten die deutschen Schüler doch durchweg im Mittelfeld. Stand
2000
das Verstehen von Texten im Vordergrund, so war es 2003 die Mathematik
sowie
Problemlösungstechnik und der Umgang mit Informationstechnik.
Die Ergebnisse der Studie 2003 (in
Klammern jeweils der Rang in derStudie 2000):
Mathematik
| Rang |
Land |
Punkte* |
| 1 (4) |
Finnland |
544 |
| 2 (2) |
Korea |
542 |
| 3 (-) |
Niederlande |
538 |
| 4 (1) |
Japan |
534 |
| 5 (6) |
Kanada |
532) |
| ... |
|
|
| 16 (20) |
Deutschland |
503 |
Durchschnitt aller Länder: 500 |
Lesen
| Rang |
Land |
Punkte* |
| 1 (1) |
Finnland |
543 |
| 2 (6) |
Korea |
534 |
| 3 (2) |
Kanada |
528 |
| 4 (4) |
Australien |
525 |
| 5 (3) |
Neuseeland |
522 |
| ... |
|
|
| 19 (21) |
Deutschland |
491 |
Durchschnitt aller Länder: 494 |
Naturwissenschaften
| Rang |
Land |
Punkte* |
| 1 (3) |
Finnland |
548 |
| 1 (2) |
Japan |
548 |
| 3 (1) |
Korea |
538 |
| 4 (7) |
Australien |
525 |
| 5 (-) |
Niederlande |
524 |
| ... |
|
|
| 15 (20) |
Deutschland |
502 |
Durchschnitt aller Länder: 500 |
Problemlösungen
| Rang** |
Land |
Punkte* |
| 1 |
Korea |
550 |
| 2 |
Finnland |
548 |
| 3 |
Japan |
547 |
| 4 |
Neuseeland |
533 |
| 5 |
Australien |
530 |
| ... |
|
|
| 13 |
Deutschland |
513 |
Durchschnitt aller Länder: 500 |
* Durchschnittspunktzahl
** 2000 nicht bewertet
Während in den Bereichen Mathematik
und Naturwissenschaften immerhin 4 bzw. 5 Plätze gewonnen werden
konnten und das Ergebnis knapp über dem Mittelwert aller
Teilnehmer liegt, ist in der Kompetenz Lesen kaum eine Verbesserung
ersichtlich und das Ergebnis immer noch unter dem vergleichsweise auch
schwachen Durchschnitt.
Was wurde getestet? Hier einige
Beispiele von Alltagsaufgaben:
- Berechnung des Benzinverbrauchs eines Autos
Über 40 % der deutschen Schüler waren bei dieser Aufgabe
unsicher
- Berechnung, wieviele Quadratmeter Fliessen man für ein
Badezimmer braucht
Rund 25 % der deutschen Schüler hatte hier Probleme
- Berechnung des Preises eines Fernsehers, den man mit einem
Nachlass von 30 % erhalten kann
Fast 23 % der deutschen Schüler konnten den richtigen Preis nicht
ermitteln
Auffällig an den Ergebnissen
der deutschen Schüler ist, dass der Anteil der Schüler, die
bereits bei elementaren Grundfähigkeiten Probleme haben im
internationalen Vergleich hoch ist. Dieser Anteil liegt im Bereich
Mathematik bei 21,6%, beim Lesen sogar bei 22,3%. Ein grasses
Gegenbeispiel
dazu ist Finnland, das hier deutlich niedrigere Werte aufweist und sich
insbesondere
dadurch auszeichnet, dass die Leistungsdifferenzen der Schüler
wesentlich
geringer sind. Die homogen gute Durchschnittsleistung bringt Finnland
die
Spitzenplätze im Ranking ein.
Nicht zurückführen kann man
dies auf die Anzahl an Unterrichtsstunden. Die Stundenzahl in
Mathematik beträgt in Finnland zum Beispiel 2,6
(Durchschnittswert) und weicht damit nicht signifikant von deutschen
Werten ab. Schon größer ist der Unterschied beim Einsatz
moderner Medien. Beim Thema 'Computer im Unterricht' findet sich
Deutschland mit 21% "Computernutzung ist Standard" nur auf Rang 25 und
weit unterhalb des OECD-Durchschnitts von 39%. Das der Einsatz von
Computern einiges verbessert kann man in finnischen Schulen erleben.
Mit 35% liegt aber auch Finnland unterhalb des OECD-Durchschnitts und
insgesamt auf Rang 16. Computer alleine machen also "noch keinen
Staat"...
Ein Blick auf das jeweilige Schulsystem
in Deutschland und Finnland zeigt schon auf dem ersten Blick
große Unterschiede:

Zunächst einmal fällt ins
Auge, dass man für die Darstellung des deutschen Schulsystems mehr
als doppelt so viel Platz benötigt wie für das finnische
System. Finnische Gastschüler, die die Gelegenheit haben eine
deutsche Schule kennenzulernen (der Autor dieses Berichts vermittelt
und koordiniert als Schülerreferent der Deutsch-Finnischen
Gesellschaft solche Gastschüler-Aufenthalte) berichten immer
wieder, dass die deutschen Schulen doch so ganz anders sind und das
deutsche Schulsystem so verwirrend sei.
Auffälligster Unterschied der
beiden Schulsysteme ist die eingleisige Schulform in Finnland bis
einschliesslich der 9. Klasse. Während in Deutschland
nach der 4. Klasse bereits eine Trennung der Schüler nach ihrem
Leistungsniveau
in Haupt-, Realschule oder Gymnasium erfolgt, führt man in
Finnland
die Grundschule bis einschliesslich Klasse 6 fort. Auch danach - in den
Klassen
7 bis 9 - ändert sich an der eingleisigen Schulform nichts. Nur
die
Art des Unterrichts (Fach- statt Klassenlehrer und umfangreichere
Kurswahl
für die Schüler) ändert sich. Fördersysteme sorgen
dafür,
dass leistungsschwächere Schüler die Möglichkeit haben,
am
gemeinsamen Unterricht mit den Schülern teilzunehmen, deren
Leistungsniveau
höher liegt. Hinzu kommt, dass soziale Aspekte in Finnland ein
hohes Ansehen haben. Für die finnischen Schüler ist es nahezu
selbstverständlich, ihre schwächeren Mitschüler zu
unterstützen.
Erst ab der 10. Klasse (in Finnland 1.
Klasse Oberstufe) kennt man eine Zweiteilung des Bildungssystems. Neben
der gymnasialen Oberstufe (Klassen 10 - 12 bzw. 1 - 3 der Oberschule)
gibt es die berufsbildende Oberstufe. Letztgenannte
ersetzt in Finnland die Berufsausbildung. Eine Form der
Berufsausbildung mit
Lehre in einem Betrieb und paralleler Berufsschule ist in Finnland
weitestgehend unbekannt.
Verständlicherweise führt
dieses finnische Modell in Deutschland wieder zu einem verstärkten
Ruf nach der Gesamtschule. Gesamtschule hier,
Eliteschule da, das Spektrum der Diskussionen ist in Deutschland breit.
Und
den absoluten "Stein der Weisen" wird man wohl nicht finden
können.
Mit einem Gesamtschulkonzept alleine ist es nicht getan. Das finnische
Konzept
(das man in dieser Form wohl nicht 1:1 auf ein Land wie Deutschland
übertragen
kann) lebt nicht nur von seiner Struktur, sondern wird dadurch
erfolgreich,
dass es von nahezu allen daran Beteiligten, insbesondere den
Schülern
und Lehrern, mitgetragen wird.
Was hat sich nun gegenüber 2000
verbessert, was nicht. Zu sehr interessanten Erkenntnissen kommt man,
wenn man das deutsche Ergebnis nach Schulformen aufteilt:
| Schulform |
Mathematik:
Raum und Form |
Mathematik:
Veränderungen und Beziehungen |
Lesen |
Naturwissenschaften |
|
|
|
|
|
| Hauptschule |
|
|
|
|
| integrierte Gesamtschule |
|
|
|
|
| Realschule |
|
|
|
|
| Gymnasium |
|
|
|
|
Was fällt auf?
- Die signifikante Steigerung im Bereich Mathematik wird von den
Schülern der Gymnasien getragen. Hier konnten die Leistungen gut
gesteigert werden und im Bereich "Veränderungen und Beziehungen"
mit über 600 Punkten auch ein sehr guter Wert erzielt werden.
- Demgegenüber sind gerade in Mathematik die Leistungen der
Hauptschüler nochmals zurückgegangen.
- Das Ranking in allen untersuchten Bereichen ist identisch:
Hauptschule - integrierte Gesamtschule - Realschule - Gymnasium.
- Das Leistungsniveau an den integrierten Gesamtschulen und
Realschulen ist über die Fächer sehr homogen. Bei den
integrierten Gesamtschulen liegt es bei 474 - 482 Punkten, in den
Realschulen bei 500 - 509 Punkten. Größer, wenn auch
gegenüber der Pisa-Studie 2000 verringert sind hier die Spektren
bei Hauptschule und Gynasium.
Neben den in den Statistiken
ausgewiesenen Werten wurde auch auf die geschlechtspezifische
Verteilung geachtet. Hier gab es allerdings keine größeren
Überraschungen. Deutsche Mädchen übertreffen ihre
männlichen Mitschüler in der Lesekompetenz deutlich (+42
Punkte) und sind auch im Bereich Problemlösungen mit +6 Punkten
leicht besser. Dafür konnten die Jungen in Mathematik (+9) und in
den Naturwissenschaften (+6) besser abschneiden.
Zum Abschluss noch Auszüge
einer Graphik, die überraschendes zeigt (und unkommentiert eher
mehr zur Verwunderung denn zur Erhellung beiträgt ;-):
Finnland, der Pisa-Sieger, ist das
Land mit den wenigsten Unterrichtsstunden, gefolgt von Norwegen, Korea
und Dänemark. Deutschland gehört ebenfalls zu den
Ländern mit relativ wenig Unterrichtsstunden, während in
Neuseeland, Australien, Italien und Schottland die Schüler viel
Unterricht haben. Blickt man nach oben in die Hitliste 2003 findet man
mit Finnland und
Korea einerseits sowie Neuseeland und Australien andererseits
Länder aus beiden "Lagern" in den Top-Plazierungen. Von der
geringen Zahl an Unterrichtsstunden in Finnland sollte man sich aber
nicht täuschen lassen. Dies wird ergänzt durch die Form der
Ganztagsschule. Finnische Schüler erhalten ihr Mittagessen in der
Schule und bleiben in der Regel auch am Nachmittag noch in der Schule,
um dort ihre Hausaufgaben zu machen, zu Spielen, ...
Verwirrt? Nun, es gibt weitere
Dinge, die erwähnenswert sind, aber nicht
unbedingt zur Erhellung beitragen. Schauen wir uns mal die Ausgaben
für
Bildung (pro Schüler) in den einzelnen Ländern an. Die
Rangliste
wird unangefochten angeführt von Luxemburg mit ca. 8000 US-Dollar
(alle
Werte in US-Dollar umgerechnet). Es folgen die Skandinavier
Dänemark
und Norwegen, gepaart mit den USA vor unseren südlichen Nachbarn
Schweiz
und Österreich sowie Italien (alle im Bereich 6000 - 8000 USD).
Die
Finnen liegen mit knapp 5000 USD im Mittelfeld (der Durchschnitt aller
Staaten ist 4850 USD), Deutschland mit 4237 USD eher im hinteren
Mittelfeld.
Dies waren nun einige Fakten der
Pisa-Studie, ergänzt um einige Erläuterungen
und Anmerkungen des Autors. Sie mögen dazu anregen, etwas
über
das Thema nachzudenken!